Warschau - Der polnische Diplomat und ehemaliger Botschafter Polens in Deutschland Janusz Reiter äusserte sich aktuell in einem Interview mit der Zeitung "Super-Express" zum Thema "20 Jahre des Wandels in Europa nach dem Fall des Kommunismus", auch über den Verlauf und Stand der deutsch-polnischen Beziehungen aus seiner Sicht. "Erinnern wir uns wo wir vor 20 Jahren standen - am Abgrund eines geteilten Deutschlands - und wo wir uns jetzt befinden. Eine sensationelle Änderung ist eingetreten. Polen und Deutschland gehören zu einem gemeinsamen Bereich der Zivilisation. Wir sind weniger wohlhabend, aber näher an Deutschland. Es ist nicht leicht, aber am Ende können wir sagen, dass wir mit den Besten konkurrieren" - beschreibt Reiter objektiv die Ansichten der meisten Polen über die deutsch-polnische Situation. Der Diplomat geht im Gespräch mit der polnischen Zeitung aber auch auf Fragen zu Grenzverträgen, der Ostseepipeline und den Beziehungen Berlins zu Moskau ein.
Deutsche Wiedervereinigung war auch unser Glück
Janus Reiter: " Vor 20 Jahren hatten Warschau und Bonn eine Kette von Ereignissen in Polen eingeleitet. Die erste Periode der Nachbarschaft zwischen einer sich in Entstehung befindenen demokratischen polnischen Regierung und dem noch geteilten Deutschland, war allerdings von Hürden gepägt. Doch anders als in der Vergangenheit fanden die Interessen beider Länder schnell und ohne Not Einklang und gegenseitiges Verständnis und schon bald begann die tägliche Realität der Politik. Ich glaube, dass die historische Chance, die auch Polen 1989 zufiel, von uns auch richtig wahrgenommen und umgesetzt wurde. Im Saldo und in der Reflektion der letzten 20 Jahre war wohl die deutsche Wiedervereinigung nicht nur Mittel zur Erfüllung eines langersehnten deutschen Wunsches, sondern sie brachte auch eine gewaltige Dynamik in die Mitte Europas, wovon auch wir letztendlich erheblich profitierten. Seit Jahren sind wir Mitglied NATO und EU - sei es dadurch gelungen. Ein weiterer Beweis jenes erfolgreichen Szenarios war die gute Deutsch-Polnische Zusammenarbeit in dieser Zeit"
Keine Gründe für Rückgabe von Immobilien an Vertriebene
"Als die Berliner Mauer fiel fürchete ein Teil der Öffentlichkeit in Polen, dass Deutschland den Prozess der Wiedervereinigung auch über die Gebiete östlich der Oder ausstrecken könnte. So wurde die Grenzfrage in diesem Zusammenhang für uns natürlich unvermeidlich. Bonn sollte also den bereits bestehenden Grenzvertrag nochmals bestätigen, was dann auch geschah. Dies änderte allerdings nichts an der Tatsache, dass auf einem Drittel des heutigen polnischen Staatsgebietes jahrhundertelang Deutsche lebten und ihr materiellen Erbe bei uns hinterliessen. Heute gibt es keine rechtlichen oder politischen Gründen für eine Rückgabe des Vermögens an die ehemaligen deutschen Bewohner des Nordens und Westens unserer Republik, obwohl eine kleine Gruppe von Menschen jenseits der Oder hier anderer Meinung ist - aber eine wichtige politische Rolle spielt das nicht. Für die Menschen die heute noch wegen der verlorenen Heimat Schmerzen und Leid empfinden, ergeht deshalb erneut der Hinweis, dass wir erfolgreich die Grenzen zwischen Polen und Deutschland weit geöffnet haben."
Gerhard Schröder hat uns enttäuscht
"Die deutschen Regierungschefs Kohl, Schröder oder Merkel bewerten wir unterschiedlich im Bezug auf ihre Rolle bei der deutsch-polnischen Annäherung. Helmut Kohl ist nach wie vor eine Symbolfigur durch seine Rolle um den Fall der Berliner Mauer und dem deutschpolnischen Grenzvertrag. Gerhard Schröder hat uns enttäuscht wegen seines Engagements für die Ostsee-Pipeline. Es war ein Unglück. Aber wir dürfen nicht seinen Beitrag zur Milliarden- Entschädigung für polnische Zwangsarbeiter vergessen. Die Heilung aus dem Osten kam dann in Gestalt von Angela Merkel, die in ihrem Denken paradoxerweise viel westlicher war als man sich nur vorstellen konnte. Dies wirkte sich nicht nur positiv auf die europäische Integration aus, sondern auch in den Beziehungen zu den USA. Die "North European Gas Pipeline" ist aus heutiger Sicht nicht mehr absolut negativ zu bewerten, aber wir sind mit Deutschland hier politisch noch nicht durch. Wenn unsere eigene Energiesicherheit klar und offensichtlich ist, werden wir uns sicher besser fühlen. Je mehr wir in die pan-europäischen Energienetze integriert werden, desto besser für uns."
Russland für Berliner Strategen wichtiger als Polen ?
"Der Schlüssel liegt darin, nicht zulassen, dass eine Situation entsteht, in der Deutschland eine derartige Entscheidung treffen muß ! Das wäre auch der falsche Weg, denn Polen ist Verbündeter Deutschlands in der NATO und der EU-Nachbar. Es ist unsere Aufgabe Deutschland aufzufordern mit Russland eine Politik zu betreiben, die auch mit unseren Interessen in Einklang gebracht werden kann. Diesbezüglich ermutigen wir Berlin häufig sicherzustellen, dass man seinen guten Reflexen folge. Schlimm wäre natürlich wenn diese Reflexe Schwächen zeigen. Ein solches Problem besteht. Moskau sieht sowas natürlich und umwirbt Deutschland noch geschickter.
Werden die Polen in Deutschland diskriminiert ?
"Diese Geschichten mit den deutschen Jugendämtern oder Familiengerichten um Probleme von deutsch-polnischen Mischehen in denen Kinder vorhanden sind erzeugen keine politischen Probleme. Sowas kann alles friedlich gelöst werden. Und was die Rechte der Polen die in Deutschland leben angeht, ist es schon 19 Jahre her, dass sie mit genau den gleichen Rechten wie die deutsche Minderheit in Polen ausgestattet wurden. Es ist also kein Problem, dass sie nicht den offiziellen Status von Minderheiten haben. Wohl aber ist es problematisch, dass sie die Chancen nicht nutzen, die ihnen geboten werden".
Wird Polen jemals deutsches Entwicklungs- Niveau erreichen ?
"Mein Ideal wäre, dass Polen vielleicht nicht zu 100% das deutsche Lohnniveau erreicht. Wir müssen nicht neidisch sein oder Komplex haben bez. unserer reicheren Nachbarn. Eine angemessene Lebensqualität tut es auch. Wir haben viele Eigenschaften auf die wir Stolz sein können, die vielleicht beim Nachbarn Neid erwecken. Wir haben sehr schöne Frauen und man sagt nicht selten von unseren Arbeitern, dass sie goldene Hände haben. Die polnische Wurst ist sehr schmackhaft und die Hühnereier frei von Pestiziden. Aber natürlich möchten wir auch eine Autobahn und Hochgeschwindigkeitszüge haben. Wenn wir dann noch eine eigene Automarke und bekannte Fußball-Vereine hätten, wäre das polnische Glück vollkommen."
Janusz Reiter ist Kaschube wie auch der jetzige polnische Premier Donald Tusk. Er studierte Germanistik und schloss mit einer Magisterarbeit über Hermann Hesse ab. In Zeiten des Kriegsrechtes in Polen war er bereits als Redakteur einer bekannten Warschauer Zeitung tätig und nutzte seine Feder zur Unterstützung von Oppositionsgruppen. Von 1990 bis 1995 war er Botschafter der Republik Polen in Deutschland. 2005 übernahm er die polnische Botschaft in Washington. Im Oktober 2007 kehrte er nach Polen zurück. Er ist Inhaber zahlreicher Auszeichnungen und wirkt heute kulturell und als Publizist
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Osten?
Geschrieben von: Wolfgang Sanns () am 28-11-2009 19:40