"Man klagt uns schon wieder für den Holocaust an"- So oder in ähnlichen Headlines gleichen Sinnes verbreiteten am Montag viele große polnische Medien eine aktuelle Aussage der Historikerin Dr. Alina Cała vom "Jüdischen Historischen Institut" in Warschau, die in einem Statement zum Artikel "Die Komplizen" des deutschen Nachrichtenmagazines "Der Spiegel", welcher in Polen ein (rechtes) Erdbeben ausgelöst hatte, nun eine weitere Welle der Empörung im Lande auslöste. "Im gewissen Sinne sind die Polen ebenso verantwortlich für diejenigen Juden, welche durch den Holocaust ihr Leben verloren. Katholische Geistliche und Nationaldemokraten haben Polen in die Rolle des Mitorganisatoren zur Vorbereitung der Vernichtung geführt" - sagte die Historikerin und muss sich nun zur Zeit gegen heftige, teilweise sehr unschöne Attacken aus den Reihen von Geistlichen und die den Mob- aufwiegelnde "Springer Presse" zur Wehr setzen. Der "Spiegel" hatte in Polen das Erdbeben mit dem Hinweis ausgelöst, dass neben Ukrainern, Holländern, Franzosen usw. auch polnische Bauern am Holocaust beteiligt waren.
Jüdisches Institut löst Schockwelle aus
Während der Oppositionsvorsitzende im polnischen Parlament Jaroslaw Kaczynski gerade mal wieder durch Ostpolen zieht um noch kurz vor den Europawahlen die Menschen vor den Deutschen, dem "Spiegel", der "Gazeta Wyborcza" und der Regierung zu warnen, kocht die historische "Suppe" in Warschau über. Ausgerechnet am "Jüdischen Historischen Institut" wird man aufmümpfig und wirft die vorbereiteten Reden Kaczynskis völlig über den Haufen. Noch bis zum vergangenen Freitag hatte der Zwillingsbruder des polnischen Präsidenten noch seine Zuhörer mit Dämonenblick vor der Gefahr warnen können, welche von deutschen Zeitungen wie dem Spiegel ausgingen, die sich dem Geschichtsrevisionismus widmen und hierbei ausgerechnet von der polnischen Gazeta Wyborcza unterstützt würden. Jetzt am Montag wurde ihm sein wichtiges Argument genommen und er stand eigentlich nur noch wie mit leeren Händen und ohne Hose da. Alleine die Warnungen vor einer von Deutschland dominierten EU brachten ihn dann auch nicht weiter, denn er spürte ein aufkommendes Mißtrauen seiner Zuhörer in diesem Zusammenhang.
Polen töteten Juden ? Kosmischer Quatsch ..
Die Reaktionen auf Politikerebene zu der unerwarteten Unterstützung des "Spiegel" zeugen denn auch einerseits von erheblichen historischen Defiziten der Volksvertreter und andererseits von wenig moralischem Niveau. Ein Sprecher der Kaczynski Partei "Recht und Gerechtigkeit" (PIS) gerät ausser sich: "Polen töteten Juden ? Wenn ich solch einen kosmischen Quatsch höre. Man muss sofort reagieren. Die Historiker haben doch schon x- mal bewiesen, dass es nicht so war" - schrie der Abgeordnete Jan Ołdakowski einen fragenden Journalisten an und fügt hinzu:" Das ist unvorstellbar, denn unsere Untergrundarmee AK bestrafte sogar Verräter von Juden mit dem Tod". Der Danziger Erzbischof Leszek Sławoj sagte am Nachmittag zu den Enthüllungen des jüdischen Institutes: "Der polnische Klerus fürchtet keine Klagen, dass man den Nazis wohlwollend entgegengearbeitet habe. Die polnische katholische Kirche hat ein reines Gewissen. Es sieht so aus dass wir wohl auf Feststellungen nicht umsonst gewartet haben, dass wir es waren, die den zweiten Weltkrieg ausgelöst haben" - ironisierte der Geistliche die Klagen des jüdischen Institutes.
Klerus in Jedwabne antisemitisch
In der Montags- Online-Ausgabe der polnischen Tageszeitung Rzeczpospolita war am Mittag auch ein Interview mit Verantwortlichen des "Jüdischen Historischen Institut" in Warschau und Dr. Alina Cała zu lesen. Der Link hierzu war dann später erst einmal aus uns nicht bekannten Gründen nicht mehr zu erreichen. Wir haben allerdings den Text kopiert, dieser wird aber auch inzwischen schon von anderen Zeitungen zitiert und kommentiert, welche ihn auch bereits im Bestand haben. Frau Cała hatte vor allen Dingen in ihrer Klage über die indirekte Beteiligung der katholischen Kirche am Holocaust eine Diozöse erwähnt, in welcher der Ort Jedwabne liegt, in dessen Kirche bis zu 1500 Juden (IPN: 300-400) durch polnische Bauern ermordet worden sein sollen. Diese Diozöse sei nach Angaben der Historikerin eine der antisemitischsten im ganzen Lande gewesen. Die heutigen Bewohner von Jedwabne und generell die meisten Polen bestreiten seit eh und je, dass es Landsleute und Nachbarn polnischer Herkunft waren die hier jüdisches Blut vergossen hatten. Gleichwohl bestreitet die polnische katholische Kirche damals und heute jemals Antisemitismus gepredigt zu haben.
Die Deutschen haben für uns "das Problem" erledigt
Dr. Alina Cała in "Rzeczpospolita": "Das radikale Nationale Lager hat selbst hatte Einladungen zu Massendeportationen verschickt, womit der Wunsch verbunden war, dass die Juden ihre Vertreibungen selbst finanzieren würden. Nazi- Sympatisanten und klerikale Judenfeinde forderten die Schöpfung ummauerte Gettos. Ihre Wünsche haben ihnen die Besatzungsmächte erfüllt. In mancher der polnischen nationaldemokratischen Untergrund -Zeitungen findet man im den Archiven noch heute den Ausdruck der Begeisterung darüber, dass die Deutschen "für uns" das Problem erledigen. Ein Pole, der vor dem Kriege von klerischer und nationaldemokratischer antisemitischer Agitation bombardiert wird, konnte in Zwietracht dazu stehen, ob die Rettung der Juden moralisch sei. Die Ermordung von 3 Millionen Juden in Polen hätte es ohne die Passivität der Bevölkerung nicht gegeben".
Polen waren Wegbereiter der Endlösung
"Rzeczpospolita": Wissen Sie wie viele Juden durch Polen den Tod fanden ? - fragte die Zeitung die Warschauer Historikerin. Cała:"Im gewissen Sinne drei Millionen! Polen waren die Wegbereiter für die sog. Endlösung für polnische Juden. Die Grundlage war auch der ökonomische Antisemitismus, den man mit Rassismus rechtfertigte. Man lobte deshalb auch die Politik Hitler- Deutschlands." Frau Cała beklagte im "Rzeczpospolita" Interview auch die Seeligsprechung des Paters Maximillian Kolbe durch den polnischen Papst Johannes Paul II. im Jahre 1982, da er sogar antisemitische Schriften herausgegeben haben soll. Kolbes Vater hatte sich 1914 zu den Legions-Truppen des antisemitischen polnischen Diktators Pilsudskis freiwillig gemeldet und wurde später hingerichtet. Auch Sohn Maximillian starb durch Hinrichtung. Er soll sich freiwillig für einen Familienvater, der zum Tode im KZ Auschwitz verurteilt worden war, als Ersatz angeboten haben. Diese These ist allerdings nie einwandfrei bewiesen worden.
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