Die polnische Geschichte lebt, wie auch in den meisten anderen Staaten des ehemaligen Ostblocks. Es vergeht kein Tag an dem nicht irgendeine Zeitung irgendwelche Schlagzeilen in Verbindung mit der Vergangenheit produziert. Die Gründe hierfür sind aber nicht nur die Öffnungen alter Archive welche teilweise bisherige Erinnerungen komplett umwerfen, sondern auch die unzähligen Feiertage für die Helden der Nation, die während der Amtszeit von Präsident Kaczynski immer mehr Bedeutung und Zuwachs gewinnen. Einer der wichtigsten derartigen Erinnerungstage ist der 1. September, an dem der Verteidiger der Danziger Westerplatte gedacht wird, die zu Beginn des zweiten Weltkrieges sich heldenhaft gegen die angreifenden deutschen Truppen verteidigten. Im Zusammenhang mit den in kürze anstehenden diesjährigen Feiern zum Jahrestag der Ereignisse auf der Westerplatte, dem Beginn des zweiten Weltkrieges, vermelden Umfrageinstitute Überlastung, denn die Meinungen der Polen über die Helden und Verlierer dieser vergangenen Zeiten sind sehr gefragt.
Polen sind stolz auf ihre Weltkriegs- Geschichte
Ein Beispiel wohl aller Meinung am nächten kommendes Ergebnis erbrachte eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts "Pentor" im Auftrage zweier historischen Museen in Warschau, welche die Meinung der Menschen im Lande nach ihrer Einstellung zu polnischen Helden und Antihelden hinterfragen sollte. Heraus kam hierbei in der Quintessenz, dass die meisten befragten Teilnehmer dieser Aktion (70%) rundherum stolz auf das Engagement Polens im Zusammenhang mit dem zweiten Weltkrieg zu sein scheint. Als größten Helden dieser Zeit nannte man General Wladyslaw Sikorski, den Chef der polnischen Exil-Regierung in London, der im Juli 1943 bei einem Flugzeugabsturz bei Gibraltar ums Leben kam. An zweiter Stelle folgt der Gründer der polnischen Armee in der UdSSR, General Wladyslaw Anders, Kommandant 2. Polnischen Korps und Sieger von Monte Cassino. Als größte heldenhafte Taten im Kriege wertete man die Verteidigung der Westerplatte und den Warschauer Aufstand (70%).
Die eigentliche Wahrheit ist schwierig und komplex
Die Pentor Umfrage, welche von der liberalen Tageszeitung "Gazeta Wyborcza" veröffentlicht wurde, ergab aber auch, dass 70 Jahre nach dem deutschen Angriff auf Polen, nur 16 Prozent der Befragten die Erinnerung an diese Zeiten für wichtig halten. 36 Prozent meinten dass es ein interessantes Thema sei und 48 Prozent betrachten dieses gar als langweilig. "Die Polen tun sich schwer zu erkennen, dass es während des Krieges auch Figuren und Ereignisse gab, die uns Schande gebracht haben" - zitiert "Gazeta Wyborcza" aus dem Kontext zum Ergebnis dieser Umfrage. Der Soziologe Piotr Kwiatkowski erklärt dies für Pentor so: "Nach dem zweiten Weltkriege hat man ein generell positives Bild von polnischem Verhalten in dieser schlimmen Zeit gebildet. Aber die eigentliche Wahrheit erweist sich als komplex und schwierig für uns. Das Wissen der Menschen umfasst meist nur die Heldentaten, aber nicht das Böse".
Militärs im Top- Ranking
Neben militärischen und politischen Figuren aus dem zweiten Weltkrieg, werden aber auch zivile Größen auf die ersten Plätze der Heldentafel gehievt, ganz vorne Pater Maximillian Kolbe und Irena Sendler für ihren selbstlosen Einsatz zur Rettung von Menschen. Kolbe soll sein Leben für einen anderen Häftling des Konzentrationslagers Auschwitz hergegeben haben. Irena Sendler, weil sie 2500 jüdischen Kindern das Leben gerettet habe. Doch im Durchschnitt wurden aber nach dem Ergebnis der Pentor Umfrage polnische Helden mit militärischen Tugenden und Führungsqualitäten am besten bewertet (15%), gefolgt von Märtyrern (11 %), Mitglieder der Untergrundarmee (10 %), Mutige mit 9 Prozent und Rettern von Juden mit (nur) 6 Prozent.
Die Anti- Helden
Auf der anderen Seite erbrachte das Pentor Ergebnis aber auch eine nicht unwesentliche Anzahl von Stimmen (27 Prozent), welche angaben, dass man sich durchaus auch in Verbindung mit dem zweiten Weltkrieg zu schämen habe. Hier gab es fast identische Antworten: "Verräter, Kolloborateure, Informanten, Eingeweihte und sog. Folksdojcze (Volksdeutsche der dritten Kategorie). Die Erpressung von Juden mit Verrat, also den sog. "Szmalcownictwo" erwähnten allerdings nur 17% der Teilnehmer an dieser Umfrage als Anti- Heldentum. Als größten Antihelden bezeichnete man Bolesław Bierut, der schon vor dem Ende des Krieges in Polen begann den Kommunismus zu installieren und auch als Hauptverantwortlicher für die Vertreibungen und Ermordungen von Deutschen aus ihren damaligen Ostgebieten gilt.
Volk nimmt Jedwabne nicht zur Kenntnis
Der weltweit anerkannte polnische Historiker Paweł Machcewicz kommentierte das Ergebnis der Pentor Umfrage: " Kollaboration und Verrat in der Zeit des zweiten Weltkrieges wird heute oft mit Aktivitäten gegen die Unterordnung gegenüber der UdSSR verwechselt. Studien zeigen, dass die Polen sich ein positives Selbstwertgefühl aufgebaut haben, schade dass hierbei Stärke und Stolz zu dominieren scheinen. Es ist hierbei auch nicht zu übersehen, dass die Kaczynski Partei "PIS" in ihren Formulierungen historischer Politik, den Menschen auch das Gefühl des Schames für Teile ihrer Geschichte genommen hat. Es genügt schon alleine das Massaker von Jedwabne, bei dem Polen mehrere Hundert 1941 Juden eigenhändig töteten, große Scham zu fühlen. Das Wissen über Jedwabne ist wirklich universell, nur das polnische Volk nimmt dies nicht zur Kenntnis. Sie waren die Urheber des Mordes an den Juden. Man verweigert die Annahme der schmerzhaften Wahrheiten. Dies ist im Übrigen aber nicht nur eine Eigenheit der Polen, denn schon die Franzosen taten sich jahrzehntelang schwer ihr Wissen auch um die dunklen Seiten Vichys zu erweitern"- schrieb Machcewicz.
Und die Helden? Sikorski, Anders, Kolbe ...
Paweł Machcewicz: " Studien beweisen dass seit dem Ende der Sowjetunion die dritte polnische Republik eine neue Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg erstellt, frei von kommunistischen Indoktrinationen. Das neue Gedenken an den Krieg zeigt an hohen Positionen der Heldenlisten Figuren wie Irena Sendler, General Emil Fieldorf und Witold Pileckie, die erst in den letzten Jahren Berühmtheit erlangten". Der Historiker hatte erst vor einiger Zeit auch die im März 1968 begonnene antisemitische Hetzkampagne als Werk der Polen und nicht der Sowjetunion verurteilt. Die Geschichtsmanipulationen in Polen, eingeleitet vor 20 Jahren, wird seit der Stärkung der Kaczynski Zwillinge immer mehr zu einem internationalen Problem. Etappenweise streitet sich Warschau schon seit 3 Jahren mit allen seinen Nachbarn. In den Klagen geht es meist um weitere Verschleierungen oder Verfärbungen der Geschichte trotz fehlender kommunistischer Indoktrinationen.
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Neue Polnische Helden
Geschrieben von: B. Mittstädt () am 19-08-2009 12:33